Symptome bei sexuellem Missbrauch

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Die Symptome des sexuellen Kindesmissbrauchs werden in vielen Literaturhinweisen oder in Checklisten aufgezählt. So hilfreich solche Aufzählungen und Listen sein können, so verwirrend können sie auch sein. Da viele Verhaltensauffälligkeiten – einzeln betrachtet – auch andere Ursachen haben können, kann erst das Betrachten der Symptome im Zusammenhang hilfreich sein, Anhaltspunkte zu erkennen, ob der Verdacht auf sexuellen Missbrauch im einzelnen Fall begründet oder unbegründet sein kann.

Durch meine langjährige Tätigkeit als Diplom-Psychologin in einem Kinderheim (bis Ende 1992) habe ich mich in den letzten neun Jahren zunehmend mit der gesamten Thematik des sexuellen Kindesmissbrauchs beschäftigt Dazu gehörten z. B. die Wahrnehmung von Verdachtsmomenten genauso, wie die Erstgespräche von Kindern, die über ihre traumatischen Erfahrungen (Aufdeckungsgespräche – besonders auch mit kleinen Kindern) erzählen konnten. Ergänzend dazu habe ich viele Informationen aus den Therapien mit jugendlichen und erwachsenen Klientinnen gewonnen, die in ihrer Kindheit sexuell missbraucht wurden.

Eine Haupterkenntnis aus dieser Arbeit besteht darin, dass ganz offensichtlich die Art der Symptome unmittelbare Folge sowohl der individuellen Durchsetzung des Syndroms von Geheimhaltung durch den/die Misshandlerln, als auch der gesamten Misshandlungsinteraktion einschließlich der Ein- und Ausstiegsrituale und der konkreten sexuellen Praktiken sind. Das bedeutet, dass die eigentliche Traumatisierung durch die nicht alters- und entwicklungsgemäßen sexuellen Handlungen primär überlagert werden durch die Symptome, die mit der Durchsetzung des Syndroms von Geheimhaltung einhergehen.

Bezogen auf die sexuellen Missbrauchsformen hat z. B. ein oral missbrauchtes Kind andere Auffälligkeiten als ein Kind, das vaginal „stimuliert“ wurde. Symptome und Verhaltensauffälligkeiten können auch immer im Zusammenhang stehen mit den individuellen Ausdrucksmöglichkeiten des Kindes, die u. a. mit dem realen und entwicklungspsychologischen Alter, mit möglichen Behinderungen und mit der Sprachentwicklung zusammenhängen.

Entscheidend ist weiterhin, in welchem Alter der sexuelle Missbrauch an dem Kind begonnen hat. Ein Kind, das vor der Vollendung des dritten Lebensjahres missbraucht wurde, zeigt grundsätzlich andere Symptome, als ein Kind bei dem der Missbrauch z. B. mit dem 6. Lebensjahr begann. (Vergl. MINDY MITCHNICK in BACKE ET AL. in „Sexueller Missbrauch von Kindern in Familien“, Köln, 1986).

Da sexueller Missbrauch immer und zuerst eine massive Grenzverletzung ist, sind die Kinder besonders stark betroffen, die durch den frühen Missbrauchsbeginn noch keine individuellen Grenzen entwickeln können.

Bezugnehmend auf ein Entwicklungsmodell nach ERIKSON befindet sich jeder Mensch in bestimmten Lebensphasen in Krisen, die – wenn sie angemessen bewältigt werden – eine positive Weiterentwicklung ermöglichen und Grundlage für weitere Entwicklungen darstellen. Werden Menschen in diesen Phasen massiv und/oder anhaltend traumatisiert, so entstehen Störungen, die je nach dem Beginn und/oder Zeitpunkt der Traumatisierung bestimmte Merkmale aufweisen.

Demnach bildet sich bei einem Kleinkind im ersten Lebensjahr „Vertrauen“ heraus und es befindet sich in einer starken oralen Abhängigkeit. Störungen in diesem Zeitabschnitt führen zu Defiziten in der Entwicklung des Urvertrauens.

Diese defizitäre Entwicklung führt in der weiteren Persönlichkeitsentwicklung dieses Kindes zu massiven Beeinträchtigungen in der Beziehungsfähigkeit, zu ‚Selbstzweifeln‘ und zu grundlegendem Misstrauen anderen Menschen gegenüber. Auf der Verhaltensebene kann das dazu führen, dass diffuse Bedürfnisse oral befriedigt werden sollen, z. B. in Form von Alkohol- und Drogenabhängigkeit oder Esssucht.

Im Alter von 1 – 3 Jahren entwickeln Kinder Autonomie und die Reinlichkeitserziehung steht im Vordergrund. Es geht um Willen, Macht und Kontrolle. Traumatisierungen in diesem Lebensabschnitt führen häufig zur Herausbildung eines starken Schamgefühls, zu Wut, die sich nach innen richtet und zu zwanghaften Verhaltensweisen (das Bedürfnis, den Kontrollverlust durch extremes Kontrollbedürfnis auszugleichen). Depressive Störungen als Mangel fehlender Autonomie sind häufig auftretende Erscheinungsformen.

Traumatisierungen im Alter von 3 – 5 Jahren stören die Entwicklung von „Initiative“, Phantasie und Tatkraft. So können sich übermäßige Schuldgefühle entwickeln, Lähmung von Initiative, was dann weiterhin zu hysterischen Verleugnungen und psychosomatischen Krankheiten führen kann.

Wird die Entwicklung der Kinder im Alter von 5 – 14 Jahren gestört, einer Phase, in der sich Fleiß und „Arbeitsverhalten“ entwickeln, so können Minderwertigkeitsgefühle entstehen und sich zwangsneurotische Störungen entwickeln.

Ausgehend von der Theorie, dass sexuelle Handlungen mit Kindern zu den traumatischen Erfahrungen gehören, die zusätzlich in das Syndrom von Geheimhaltung eingebunden sind, sollen an dieser Stelle noch einige grundsätzliche Überlegungen angestellt werden. Die Folgen traumatischer Erlebnisse – unabhängig von der Art des sexuellen Missbrauchs – lassen sich in folgende Hauptbereiche gliedern:

  1. Ängste – speziell bezogen auf Situationen, die die Opfer an die traumatischen Erfahrungen oder an die Misshandler erinnern, Angst vor sexuellen Kontakten, Angst einzuschlafen.
  2. Psychosomatische Reaktionen – Schlafstörungen, Störungen des vegetativen Nervensystems ( z. B. diffuse Bauch- und Kopfschmerzen), Erkrankungen und Verkrampfungen in den Körperbereichen, die von der traumatischen Erfahrung betroffen waren.
  3. Depressionen und unangemessene Aggressionen – kennzeichnend ist, dass diese psychischen Zustände für die betroffenen Personen ohne erklärbare Gründe auftauchen.
  4. Sexualisiertes Verhalten – Störungen im sexuellen Bereich: Dazu können unangemessenes Verbalverhalten, grenzverletzende Sexualisierungen gegen über anderen Personen (Gegenübertragungen), exzessives Masturbieren, Promiskuität, Prostitution u. a. gehören.
  5. Störungen im Beziehungs- und emotionalen Bereich: Dazu gehören mangelndes Selbstwertgefühl, Beziehungsprobleme, kein Durchsetzungsvermögen, unangemessene Gefühlsreaktionen.
  1. Die Tendenz sich selbst zu zerstören: Suizidversuche, Drogen- und Tablettenmissbrauch, Selbstverletzungstendenzen und alle Arten von Essstörungen (Mager- und Fettsucht).
  1. Abspalten von Gefühlen die zu diesen traumatischen Ereignissen gehören, Leben in einer Phantasiewelt, Störungen in der Wahrnehmungsfähigkeit der Realität, Herausbildung von Misshandleranteilen als Folge von Angstabwehr.

Bei der Beschreibung der Symptome sexueller Kindesmisshandlung muss zusätzlich beachtet werden, dass bestimmte Faktoren das Ausmaß und die Art der Störung nach sexuellem Missbrauch grundlegend beeinflussen. T. FÜRNISS benennt diese Faktoren (in „Diagnostik und Folgen von sexueller Kindesmisshandlung“, 1986), die positiv mit den psychischen Schäden bei sexueller Kindesmisshandlungen zu korrelieren scheinen:

  1. Mit zunehmendem Altersunterschied zwischen Täter und Opfer und besonders mit einem Generationsunterschied.
  2. Mit zunehmender Nähe des Verwandtschaftsgrades.
  3. Mit der Dauer des gesamten Misshandlungszeitraums.
  4. Mit dem Grad der Gewaltandrohung oder Gewaltanwendung.
  5. Mit dem Alter bei Misshandlungsbeginn.
  6. Mit dem Grad der Geheimhaltung.
  7. Mit der Anwesenheit schützender Vertrauensbeziehungen.
    (Punkt 7 ist direkt von Punkt 6 abhängig.)

Die Aufarbeitung der Folgen sexuellen Missbrauchs ist immer eine multiprofessionelle Aufgabe. Unterschiedliche Professionen aus den Sparten Kinderschutz, Therapie und Rechtswesen müssen zusammenwirken, um Kindern real und langfristig helfen zu können. Das heißt, dass eine Person allein oder Mitarbeiterinnen einer Berufsgruppe real nicht in der Lage sind, diese Arbeit zu leisten.

Bei der folgenden Beschreibung der Symptome ist unbedingt darauf zu achten, dass einzelne Symptome für sich gesehen, keine Aussage darüber machen, ob nun tatsächlich ein sexueller Kindesmissbrauch stattgefunden hat oder nicht. Ein einzelnes Symptom kann lediglich die Funktion erfüllen, auf ein Kind aufmerksam zu werden.

Erst die Summe der Symptome, das Zusammenfügen dieser Symptome (wie bei einem Mosaik) und der Ausschluss möglicher anderer Ursachen (organischer oder andere Traumatisierungen), lässt Professionelle vom vagen Verdacht (Erstwahrnehmung) zum begründeten Verdacht kommen. Dies bedeutet, dass die gesamte Verhaltensebene, einschließlich der angeführten Symptome, die im Einzelfall auf sexuellen Missbrauch hinweisen könnten, in die Differenzialdiagnose einbezogen werden sollte. Voreilige Rückschlüsse – dass ein sexueller Missbrauch stattgefunden habe – müssen vermieden werden. Das Aussprechen eines Verdachtes außerhalb des professionellen Netzes – ohne dass dieser objektiv begründet ist und ohne dass adäquate Hilfsstrukturen für das betroffene Kind vorhanden sind (Kinderschutz), hat verheerende Wirkung und führt weder dazu, dass der Missbrauch für dieses Kind real beendet werden kann, noch dazu, den möglichen Misshandler zu überführen. Zusätzlich besteht die Gefahr, dass der Geheimhaltungsdruck auf das Kind extrem erhöht wird.

Die Beschreibung der Symptome erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und die Aufstellung ist auf meinem Erfahrungshintergrund entstanden.

 

Symptome bei Kindern im Vorschulalter

Nach neuesten statistischen Erhebungen ist davon auszugehen, dass die Hälfte aller sexuellen Missbrauchshandlungen an Kindern bis zum Einschulungsalter begonnen haben (FÜRNISS). Während ab dem 7.-8. Lebensjahr auch häufig voller Sexualverkehr zunehmend beobachtet wird, scheint die Penetration bei sehr jungen Kindern offensichtlich für den Misshandler zu schmerzhaft zu sein. „Oraler Sex, masturbatorische Aktivitäten, Analverkehr und sexuelle Stimulierung zwischen den Schenkeln des Kindes gehören zu den häufigsten Misshandlungsformen in früher Kindheit.“ (Zitat FÜRNISS, siehe oben).

Kinder, die vor Vollendung des dritten Lebensjahres sexuell missbraucht werden, erfahren die Misshandlung als eine die gesamte Persönlichkeit betreffende Traumatisierung. Häufig sind die Kinder intellektuell noch nicht in der Lage, sich an diese Ereignisse über längere Zeiträume zu erinnern – aber spätere Symptome zeigen deutlich, dass „der Körper nie vergisst, was ihm zugefügt wurde.“ Da sich ein Kind vor Vollendung des dritten Lebensjahres in einer Phase befindet, in der eine differenzierte Wahrnehmungsfähigkeit erst herausgebildet wird und in der es zunehmend Kontrolle über sich, seine Körperfunktionen und seine Umwelt erlangt, können sexuelle Missbrauchserfahrungen in dieser Altersstufe verheerende Wirkungen auf die körperliche Entwicklung von Kindern haben, auf die Lust an Aktivität und Neugierverhalten und auf die Entwicklung eines normalen Kontrollbedürfnisses.

Ich beobachte häufig, dass Kinder, die sehr früh missbraucht wurden, häufig von kleinem Wuchs sind, eine blasse Hautfarbe haben und so aussehen, als seien sie durchsichtig. Hat der Missbrauch bereits im Kleinstkindalter begonnen, so haben diese Kinder häufig sehr starke und diffuse Ängste (Angst vor lauten Geräuschen, Angst vor Ratten, Gespenstern); setzte der Missbrauch im Alter von 2 -3 Jahren ein, so ist zu beobachten, dass diese Kinder ein sehr zwanghaftes Verhalten haben, grobmotorische Defizite aufweisen, feinmotorisch weit entwickelt sind (‚Puzzlekinder‘) und dass sie ständig versuchen, ihre Umwelt zu kontrollieren und überschaubar zu halten.

Die Erfahrung, dass die Art des sexuellen Missbrauchs unmittelbar die Symptome erklärt, wurde durch meine Praxiserfahrung ständig bestätigt.

Kleinkinder, die oral missbraucht wurden – indem sie einen Penis in den Mund gesteckt bekamen und unter Umständen Sperma im Mund hatten – leiden sehr häufig unter Sprachstörungen, können sehr starke Angst vor dem Ersticken haben, vermeiden u. U. Nahrung und Spielmaterial, das in Konsistenz und Farbe an Sperma erinnern könnte, können Angst vor Nahrung haben, die phallische Formen haben (Bananen, Würstchen), können z.B. panisch reagieren, wenn sie mit Wassertropfen bespritzt werden und können sich die Lippe blutig reißen. Kinder, die oral missbraucht wurden, können unter ständigem und unkontrolliertem Speichelfluss leiden – andere Erkrankungen mit diesen Symptomen, z.B. Debilität ausgeschlossen – und es ist eine Beobachtung, dass deren Mundbereich sehr oft verkrampft ist und die Lippen sehr verkniffen wirken. Häufige Soor- und Herpesinfektionen sind zu beobachten, sowie Ekzeme in der Mundregion.

Um Symptome als solche erkennen zu können, muss der reale Ablauf der möglichen Misshandlungsart rekonstruiert werden. Kleinkinder, die Frauen oral befriedigen mussten, haben häufig andere Symptome. Bei dieser Missbrauchsform wird der Kopf des Kindes an den Haaren gefasst und die gesamte untere Gesichtspartie über die Klitoris – von der Nase an abwärts, da die Zunge nicht zu solchen Handlungen gezwungen werden kann – hin- und hergeschoben, bis die Frau ihre Befriedigung erreicht hat.

Auch diese Symptome hängen direkt mit der Missbrauchsform zusammen. Häufig konnte ich beobachten, dass diese Kinder in extremer Weise an allen möglichen Gegenständen, Speisen und Personen riechen, (als ob sie ständig auf der Suche nach wiedererkennbaren Gerüchen sind) dass sie sich die untere Gesichtshälfte selbst aufkratzen (die Schambehaarung der Frau ist für die Kleinkindhaut wie Draht) oder sich in dem Bereich Verletzungen zufügen und dass sie sich diese Region mit schmierigen Substanzen gerne einreiben (wobei die erkennbare Lust an dieser Handlung schlagartig in Panik umschlagen kann, wenn die Atemwege verschmiert werden).

Alle diese Handlungen können als Reinszenierung der Missbrauchserfahrungen gewertet werden. Weiterhin konnte ich beobachten, dass diese Kinder zwanghaft (z.B. das eigene Bett voll-) spucken, als ob sie das Gefühl haben, Haare im Mund zu haben. Durch die ‚Verkleisterung‘ der Atemwege gibt es auch bei dieser Missbrauchsform sehr starke Erstickungsängste.

Kleinkinder, die anal missbraucht werden, können Verletzungen im Afterbereich haben (Risse), oft ist die Afterregion gerötet, sie leiden häufig unter Verstopfungen und haben Angst, auf die Toilette oder das Töpfchen zu gehen. (Ein 3-jähriges Mädchen sagte einmal: „Am liebsten möchte ich sterben.“ Auf die Frage, warum dies so sei, sagte sie: „Dann brauche ich nichts mehr zu essen und wenn ich nichts mehr esse, dann muss ich nicht mehr aufs Klo gehen.“) Kinder, die anal missbraucht werden, neigen scheinbar dazu, besonders zwanghaft, und kontrollierend zu reagieren. Häufig putzen sie sich sehr intensiv den After ab und haben eine starke Abneigung vor irgendwelchen Cremes in diesem Bereich, da sie das an Sperma erinnern würde.

Da Kinder, die anal missbraucht werden, das Eindringen des Penis nicht sehen können (außerhalb des Gesichtsfeldes) und oft auch nicht wissen, was ihnen da so weh tut, versuchen sich den stechenden Schmerz durch Metaphern zu erklären, die für sie altersgemäß verständlich sind (Dornenstock, eine Schraube, ein Messer o.ä. in den „Popo“ gesteckt).

Zusätzlich sind bei Misshandlungsformen kulturelle und religiöse Prägungen der Misshandler zu berücksichtigen. In Kulturen, in denen die ‚Jungfräulichkeit‘ der Mädchen bis zur Heirat einen besonderen Stellenwert hat, ist unabhängig von anderen Missbrauchsformen analer Missbrauch signifikant häufiger als der vaginale.

Missbrauchsformen, in denen der Anus oder die Vagina vom Penis äußerlich stark stimuliert wurden, oder wo „Oberschenkelficking“ stattgefunden hat, führen dazu, dass diese Kinder häufig Schmerzen in den Beinen haben. Kleinkinder verweigern dann das Laufen lernen, sagen, dass ihnen die Beine wehtun würden und es ist zu beobachten, dass sie bei anderen motorischen Aktivitäten die Beine häufig sehr stark zusammenpressen. Dies kann zu anhaltenden Verspannungen im Oberschenkel-Becken-Bereich führen und somit zu erkennbaren grobmotorischen Störungen oder Defiziten führen.

Ein Symptom bei sexuell missbrauchten Kleinkindern kann sein, dass sie sehr häufig und ohne organischen Grund hinfallen. Der normalerweise mögliche ‚Äffchensitz‘ (ein Sicherungsreflex des Kindes, dabei klammert es sich beim Hochgenommen werden mit den Beinen um den Körper des Erwachsenen) wird vermieden, das Kleinkind macht sich entweder ganz steif und lässt seine Beine lang und starr herunterhängen oder winkelt seine Beine vor dem Brustkorb des Erwachsenen an. Ebenso verkrampft ist seine Sitzhaltung auf dem Schoß. Auch dort verweigert es die körperliche Öffnung und setzt sich dafür quer mit geschlossenen Beinen hin.

Das Öffnen der Beine in Wickelsituationen und Säuberungssituationen ist kaum möglich und ärztliche Untersuchungen im Oberschenkel- oder Genitalbereich erzeugen panische Reaktionen. Diese Kinder haben entweder sehr große Angst in diesem Bereich berührt zu werden, und/oder vermeiden es, sich z. B. nackt zu zeigen. Das kann dazu führen, dass diese Kinder selbst bei extrem hoher Außentemperatur (z. B. im Hochsommer) mit langen Hosen herumlaufen.

Aber auch gegenteilige Verhaltensweisen können zu den symptomatischen Folgen sexuellen Missbrauchs gehören. Diese werden in dem Überbegriff der ‚sexualisierten Verhaltensweisen‘ zusammengefasst. Dazu gehört u.a., dass sich diese Kinder besonders häufig gerne ausziehen, um erwachsenen Personen den Hintern entgegenzustrecken und/oder Penis oder Vagina zu Schau stellen. Als Ursache für dieses sexualisierte Verhalten scheint die individuelle Erfahrung des Kindes zu stehen, dass nur über diese Verhaltensweisen Beziehungsaufnahmen zu Erwachsenen möglich waren.

Als dritte Möglichkeit ist noch zu beobachten, dass diese Kinder auf der einen Seite sich sehr schamvoll verhalten, auf der anderen Seite sehr ‚schamlos‘.

Frau LAMERS-WINKELMANN (Fortbildungsreferentin und Gutachterin aus Amsterdam/Harleen) beschrieb in einem Referat, dass viele Kinder, die sexuell missbraucht werden, Körperkontakte vermeiden und so sehr leicht in Kindergruppen in Außenseiterpositionen geraten. Da die Kommunikation von Kleinkindern zu überwiegenden Anteilen aus nonverbalem Verhalten besteht, können sie sich nicht daran beteiligen und neigen dazu, sich eher zurückzuziehen. Es kann passieren, dass diese Kinder eine ausgezeichnete intellektuelle und feinmotorische Entwicklung haben, sich sehr stark mit sich selber beschäftigen können (puzzeln, Bausteine zusammenstecken) dagegen grobmotorische Defizite aufweisen und wenig Kontakt zu anderen Kindern haben. Wenn Erwachsene diese Kinder anfassen oder umarmen, so fällt auf, dass die Kinder versuchen, sich aus diesen Situationen „herauszuwinden“.

Wenn Kinder dazu gezwungen werden, den Penis des Misshandlers zu masturbieren, mit der Folge, dass sie Sperma auf ihre Haut bekommen, dann ist eine häufige Folge, dass diese Kinder sich sehr zwanghaft waschen, keinen Schmutz an den Händen ertragen und eine starke Ekelreaktion vor spermaähnlichen Substanzen (weißen Speisen, Eiweiß, Quark, Klebstoff) haben.

Kinder, die von Frauen missbraucht werden, fallen dadurch auf, dass sie sich Frauen gegenüber körperlich grenzverletzend verhalten, dass sie z. B. die Brust erwachsener Frauen streicheln oder lecken wollen, deren Genitalien berühren wollen, oder am Ohr, und am Hals lecken. Bei Missbrauch durch Frauen spielt der Hautkontakt zum Körper der misshandelnden Person eine größere Rolle, als bei Missbrauch durch Männer. Zungenküsse durch männliche Misshandler sind vergleichsweise seltener als durch Frauen. Demzufolge weisen Kinder mit dieser Symptomatik eher auf Misshandlungen durch eine Frau hin.

Viele sexuell mißbrauchte Kinder reagieren mit Essstörungen, indem sie entweder sehr wenig essen und damit sehr abmagern, oder indem sie zu viel essen und damit fettleibig werden. Mit beiden Formen wollen sie sich unattraktiv für den Misshandler machen. Sexuell missbrauchte Kinder können mit plötzlichen starken Regressionen reagieren oder fallen dadurch auf, dass sie mit sehr starken Aggressionen auf ihre Umwelt reagieren.

Ein sehr großer Teil sexuell missbrauchter Kinder reagiert mit starker sozialer Über­angepasstheit. Sie wirken extrem autoritätshörig bei gleichzeitigen massivem, oftmals versteckt-aggressiven Verhalten, welches sie gegenüber Schwächeren zeigen. Sie sind sehr stark bemüht, nicht aufzufallen und haben Angst davor, eine Sonderposition einzunehmen. Dies mag u.a. daran liegen, dass die meisten Kinder – wenn sie sexuell missbraucht werden – annehmen, dass nur ihnen das passiert und dass andere Personen ihnen das ansehen könnten. Mit ihrer Unauffälligkeit wollen sie vermeiden, dass irgendjemand den Missbrauch bei ihnen wahrnimmt. Auch hier gibt es wieder eine ambivalente Haltung – trotz dieser Angst, dass der Missbrauch von jemandem wahrgenommen werden könnte, kann es sein, dass diese Kinder Signale und Aussagen machen, die anderen Erwachsenen deutlich machen, dass sie missbraucht werden. Eine Reihe von Kindern reagiert auf sexuellen Missbrauch mit starkem sozialem Rückzug.

Der Anteil von überangepassten Jungen (s.o.) unter den Missbrauchsopfern ist nach meiner Erfahrung wesentlich höher, als bisher angenommen. Es ist so, als habe bei ihnen ein ‚Sozialisationsbruch‘ stattgefunden. Ihren primären Ausdruck findet dies in aufkommenden Ängsten, als homosexuell zu gelten oder homosexuell zu sein. Damit scheint eine tiefgreifende Geschlechtsrollenverwirrung einherzugehen, die über das Pubertätsalter hinaus den Lebensweg über lange Zeit, bis hin zu lebenslangen psychosexuellen und psychosozialen Verunsicherungen, prägen können.

Sexueller Missbrauch ist – wie immer er sonst definiert wird – immer eine gravierende Grenzverletzung beim Kind. Je früher der Misshandlungsbeginn beim Kind ist, desto unmöglicher wird es für das Kind, in seiner weiteren Sozialisation eigene Grenzen zu definieren. Und als direkte Folge dieser Unfähigkeit – oder massiven Störung dieser Fähigkeit – individuelle Grenzen zu ziehen, verletzen diese Kinder die Grenzen anderer Personen. Dies kann sich auf andere Kinder beziehen, aber auch auf Erwachsene. Als ein solches Symptom muss z.B. das grenzverletzende in den anderen ‚hineinkriechen wollen‘ betrachtet werden, oder z.B. der Versuch, die Zunge in das Ohr des anderen zu stecken usw.

Kleine Kinder, die sexuell missbraucht wurden, haben sehr häufig umfassende und diffuse Ängste. Ein häufiges Symptom scheint die Angst vor Ratten, Mäusen oder Spinnen zu sein. Alles, was krabbelt, sich bewegt und für das Kind nicht kontrollierbar ist, kann Panik auslösen. Eine Erklärung für diese Angst könnte sein, dass Kleinkinder, die oral stimuliert wurden, häufig nur den Kopf bzw. die Haare des Misshandlers/der Misshandlerin gesehen bzw. gespürt haben. Die Angst vor krabbelnden Tieren könnte Erinnerungen an die Missbrauchssituationen auslösen und eine Angstübertragung bedeuten.

Bei einer Reihe von Kindern konnte ich eine starke Überempfindlichkeit vor lauten Geräuschen beobachten und starke Ängste, wenn irgendwelche Gegenstände plötzlich auftauchten. (Erschrecken vor einer Kasperfigur oder einer Puppe, die sich plötzlich aufrichtet.) Sehr häufig berichten die Kinder von der Angst, von Gespenstern, Monstern oder Räubern, gefangen, eingesperrt oder gefressen zu werden. (Da kommt ein Monster und frisst meinen Mund, ein Räuber sticht mir ein Messer in den Bauch, ein Gespenst tut mir einen Stab in den Popo.)

Kinder, die missbraucht wurden, erleben häufig, dass sich der Blick von Erwachsenen bei der Misshandlung sehr stark verändert und haben dann als Folge sehr starke Angst vor irgendwelcher Form von Blickkontakten. Das Stöhnen und Prusten von Erwachsenen, die Kinder missbrauchen, kann dazu führen, dass Kinder dann panisch reagieren, wenn andere Leute, z.B. schwer atmen oder stöhnen. (Ein Kind konnte es nicht ertragen, mit jemandem in einem Zimmer zu schlafen, weil es durch den Atem dieser Person gestört war.)

Analer und vaginaler Missbrauch führt häufig dazu, dass diese Kinder sehr stark einkoten oder auch einnässen. Oft ist zu beobachten, dass ein Kind, das bereits nachts trocken war, wiederum beginnt, einzunässen, wenn es penetriert wurde. Blasen- und Pilzinfektionen (insbesondere, wenn diese Infektionen häufig auftreten und nicht me­dikamentös behandelbar sind), sowie Geschlechtskrankheiten sind weitere sehr deutliche Hinweise, sowie Risse und Verletzungen an Vagina und Anus.

Sexuell missbrauchte Kinder können häufig mit unangemessenem und sehr schrillem – fast hysterischem – Schreien reagieren und die Art des Schreiens entspricht nicht der Situation. Diese Kinder leiden häufig sehr stark darunter, dass sie einerseits Angst vor dem Alleinsein haben und das Bedürfnis nach Nähe haben, andererseits aber panische Angst bekommen, wenn man sie anfasst oder körperlich trösten will. Bereits sehr kleine Kinder können Todesgedanken und -wünsche äußern und eine Klientin berichtete, dass sie bereits als Vierjährige einen Suizidversuch unternommen habe.

Der sexuelle Missbrauch kann die gesamte intellektuelle Leistungsfähigkeit bei Kleinkindern sehr stark beeinträchtigen. Die Konzentrationsfähigkeit und die Wahrnehmungsbereitschaft können stark beeinträchtigt sein und so kann es zu „pseudodebilen Erscheinungen“ kommen. Diese Kinder wirken phasenweise recht dumm, dann wiederum lösen sie Aufgaben, die nur von normalbegabten Kindern zu erwarten sind.

Sexuelle Missbrauchserfahrungen werden von kleinen Kindern häufig in Form von Spiel, aber auch durch Kinderzeichnungen ausgedrückt. Wichtig ist zu wissen, dass es aber auch einen Teil von Kindern gibt, deren Motivation überhaupt mit dem Malen zu beginnen, sehr stark beeinträchtigt ist. Ein anderer Teil der Kinder gibt unbewusst in der Form und Art und Weise, wie sie malen (Symbolsprache), Auskunft über stattgefundene Misshandlungen. (U. GIERNALCZYK in „Das Baugerüst“ 4/92 S. 341-344).

Bereits kleine Kinder können sehr stark sexualisierte Verhaltensweisen zeigen. So kann es sein, dass ein Kind jeden Abend sehr exzessiv onaniert, oder bereits kleine Mädchen an den Hosenschlitz erwachsener Männer gehen, um den Penis herauszuholen. Ich konnte beobachten, dass sich kleine Mädchen sehr häufig breitbeinig auf mein Knie setzten und versuchten, sich durch rhythmisches Bewegen des Unterkörpers selbst zu stimulieren. Kinder, die sexuell missbraucht wurden, neigen häufig dazu, diese Erfahrungen in Spielsituationen mit anderen Kindern weiter zu geben. So kommt es vor, dass diese Kinder z.B. anderen Kindern längliche Gegen stände in den Anus schieben, oder versuchen, den Penis oder die Vagina eines anderen Kindes zu lecken. Solche Aktivitäten entsprechen nicht der normalen sexuellen Entwicklung eines Kindes und sind Hinweise, dass sie selber derartige Erfahrungen gemacht haben könnten. Auch werden derartige Verhaltensweisen nicht durch das Betrachten von pornographischen Filmen verursacht.

Ein Phänomen, das am schwersten zu erklären ist, ist ein sehr stark ambivalentes Verhalten. Da gibt es Kinder, die sich selber durch Gegenstände an der Scheide oder am Anus stimulieren und gleichzeitig panische Angst vor irgendwelchen Berührungen haben. Dann gibt es Kinder, die sich einerseits mit zwanghaft geschlossenen Beinen auf den Schoß eines Erwachsenen setzen und in der nächsten Situation, in der sie mit dem Erwachsenen alleine sind, sich ihm breitbeinig präsentieren. Ich habe ein Kind erlebt, welches panische Angst davor hatte, ein Zäpfchen in den Anus eingeführt zu bekommen und bei einer gynäkologischen Untersuchung sehr bereitwillig die Beine auseinanderspreizte und sich präsentierte. Es gibt Kinder, die sich durch sexuelle Spielereien mit anderen Kindern zu stimulieren versuchen oder sich von diesen stimulieren lassen, dann nachts nur in langen Unterhosen schlafen und Angst vor jeder Form von Nacktheit haben.

Ein sehr häufig zu beobachtendes Phänomen sind die Schlafstörungen. Kinder, die im Bett missbraucht wurden, haben oft Angst davor, überhaupt ins Bett zu gehen. Diese Ängste können bis ins späte Erwachsenenalter bestehen bleiben. Schlafstörungen sind aber auch häufig Folgen anderer traumatischer Erfahrungen. Die nicht verarbeiteten traumatischen Erfahrungen stören den Schlaf der Kinder durch Alpträume. Mit der Schlafenssituation im allgemeinen, begeben sich diese Kinder in eine Lage, in der sie ihr Umfeld nicht mehr kontrollieren können. Nächtliches schreckhaftes Aufwachen, Angstzustände und Schreien sind Verhaltensweisen, die nicht selten zu beobachten sind.

Erfahrungen, die der Psyche zu nahe kommen – und dazu gehören in der Regel alle traumatischen Erfahrungen – rufen bei den Menschen verschiedene Abwehrmechanismen hervor, um diese Situation überhaupt seelisch zu überleben. Eine Form der Abwehr besteht darin, dass die Kinder Gefühle von sich abspalten und in eine Phantasiewelt flüchten. Bei diesen Kindern ist dann häufig zu beobachten, dass sie zeitweise wie geistesabwesend wirken, manche Dinge überhaupt nicht hören, einen verlorenen und abwesenden Blick haben, oder durch eine übermäßige Phantasietätigkeit auffallen und dazu neigen, Realität und Wahrheit miteinander zu vermischen.

Werden kleine Kinder im Anal- oder Vaginalbereich missbraucht, so können sie diese Erfahrungen körperlich häufig nicht eindeutig zuordnen. Ganz häufig beschreiben die Kinder, dass sie starke Bauchschmerzen hätten und sie demonstrieren durch Spiel und unter Umständen durch Zeichnungen, dass Verletzungen im Bauchbereich vorliegen. (Ein missbrauchtes Kind schnitt einer Stoffpuppe im Scheidenbereich den Körper auf, andere Kinder malen riesengroße lochähnliche Bauchnabel, ein Junge erzählte, dass früher ein Mann gekommen sei und ihm den Bauch aufgeschnitten habe.)

Neben den hier genannten Symptomen gibt es noch eine Reihe von Ängsten, die Kinder entwickeln können, weil sie mit der Missbrauchshandlung unmittelbar im Zusammenhang standen. Kinder entwickeln Ängste vor vergleichbaren Orten, an oder in denen die Misshandlung stattfand. Ein Kind, das in einem Keller missbraucht wurde, hatte ab diesem Zeitpunkt panische Angst vor Kellern. Ein Kind, das in einem Auto missbraucht wurde, wollte seitdem kein Auto mehr besteigen. Ein Kind, das außerhalb des familiären Rahmens missbraucht wurde, empfindet das Zuhause als Sicherheit, während ein Kind, das innerhalb der eigenen Wohnung missbraucht wurde, bevorzugt, sich draußen aufzuhalten. Ein kleiner Junge, der von seiner Mutter und deren Partner gleichzeitig missbraucht wurde, bekam immer dann panische Angst, wenn seine Pflegeeltern gemeinsam auf ihn zutraten. Ein Kind, das in der Badewanne missbraucht wird, hat unter Umständen sehr starke Angst vor dem Gebadet werden. Ein kleines dreijähriges Mädchen erlebte während des Missbrauchs, dass der Misshandler sein Sperma auf ihr Haar masturbierte und hatte seitdem panische Angst davor, die Haare gewaschen zubekommen. Selbst bis in das hohe Erwachsenenalter können Ängste vor bestimmten Situationen oftmals klare Auskunft über die Form der Misshandlung geben.

Ein großer Irrtum besteht in der Annahme, dass Kinder, die sexuell missbraucht wurden, nur mit Angst und Ablehnung auf den Misshandler/Misshandlerin reagieren. Dies ist oft nicht der Fall, da diese Personen für das Kind vertraute Personen sind und sie aufgrund von Bindungen, Loyalitäten, durch das Abspalten der Gefühle in der Misshandlungsinteraktion, das Ausblenden der Missbrauchshandlungen aus der Realität durch die Flucht in Scheinwelten, häufig gute Kontakte zu ihnen haben. Misshandler aus dem sozialen Nahbereich der Kinder treten für die Kinder nicht nur in dieser Form auf. Sie sind häufig auch für die Kinder die einzigen Personen, die ihnen in ihrer Umwelt auch positive emotionale Zuwendung geben. Kinder, die mit Missbrauchshandlungen aufwachsen, lernen diese so, als gehörten sie zum Verhaltensrepertoire dazu und können häufig sehr zwanghaft „abgespult“ werden.

 

Symptome im vorpubertären Alter

Eine Reihe von Symptomen, die bereits bei den Kleinkindern genannt wurden, treffen auch auf die älteren Kinder zu. Die Auffälligkeiten sind selbstverständlich den Fertigkeiten und dem Entwicklungsstand des älteren Kindes angepasst. So wird ein älteres Kind, das zu Hause missbraucht wird, nicht mit Schreien und Panik reagieren, sondern könnte z.B. versuchen, durch Ausreißen oder Übernachten bei einer Freundin, der Situation auszuweichen. Sexuell missbrauchte Kinder sind Weltmeister darin, die Gefühle und nonverbalen Verhaltensweisen Erwachsener zu entziffern. Eine Klientin sagte, dass sie immer im Voraus gewusst habe, was ihr Vater als nächstes Tun oder Sagen würde. Diese Wahrnehmungsfähigkeit ist eine Fertigkeit, um mögliche Missbrauchssituationen eher zu erkennen, und sich gegebenfalls auch psychisch davor zu schützen.

In dem Alter sind Suizidversuche oft sehr ernsthafter Natur und die Flucht in die Krankheit ist dann zu beobachten, wenn diese Kinder erleben, dass sie dann in solchen Situationen vor Missbrauch geschützt sind.

Eine Folge von sexuellem Missbrauch können sehr starke Lernstörungen sein. Entweder haben diese Kinder trotz ausreichender Intelligenz, starke Störungen dem Unterricht zu folgen, (Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen, Blockaden zu sprechen, Angst sich am Unterricht zu beteiligen) es gibt aber auch die Möglichkeit, dass diese Kinder – dies ist meist der Fall, wenn der Missbrauch erst im Alter von 7 oder 8 Jahren begann – ihre schulischen Leistungen extrem steigern und ihnen die Zeit in der Schule die wichtigste ist, da sie während dieser Zeit nicht missbraucht werden.

 

Symptome bei Jugendlichen

In einer Untersuchung heißt es, dass 80 Prozent aller drogenabhängigen Frauen in ihrer Kindheit sexuell missbraucht wurden. Bei Männern wurde dieser Zusammenhang noch nicht untersucht. Sexuell missbrauchte Menschen entwickeln eine Reihe von Süchten, zu denen z.B. Alkohol-, Drogen-, Spiel-, Mager- und Fettsucht gehören. In diesem Alter kommt es häufig vor, dass die Jugendlichen „ausreißen“, auf Trebe gehen oder mit anderen Mechanismen versuchen, den Missbrauch zu beenden. Es kann sein, dass sie sich an Beratungsstellen oder Jugendämter wenden und mitteilen, dass sie missbraucht werden, oder sich auf eine andere Art und Weise bemühen, das Elternhaus zu verlassen. In welcher Form diese Jugendlichen ihren nichtverarbeiteten Traumen zu entkommen versuchen, hängt davon ab, welche Ver­haltensweisen und Mechanismen sie erlernt haben. Sexuell missbrauchte Jugendliche und junge Erwachsene – und man muss davon ausgehen, dass ein Großteil von ihnen bereits über mehrere Jahre missbraucht wurde – können zu Prostitution und Promiskuität neigen. Jugendliche Jungen bewegen sich im Bereich der Stricherszene und haben sehr starke Angst davor, homosexuell zu sein, gleichzeitig suchen sie sexuelle Situationen, in denen sie homosexuelle Erlebnisse haben,  auf.

Spätestens in diesem Alter wird auch deutlich, ob Jugendliche bereits wiederum Misshandleranteile entwickelt haben. Jugendliche benutzen dann jüngere Kinder, um die sexuellen Erfahrungen, die sie selber machen mussten, an diese weiterzugeben.

Ein Hinweis auf sexuellen Missbrauch können bei jugendlichen Mädchen unerklärte Schwangerschaften sein. Besonders, wenn die Geschichte von irgendeinem Fremden erzählt wird, deren Namen sie nicht kennen, oder den sie nicht nennen wollen, ist diese Möglichkeit gegeben.

Ganz deutlich ist bei Heranwachsenden und Jugendlichen ein pseudoreifes Verhalten zu beobachten, das meist mit einem regressiven Verhalten gepaart ist. Das Klischee der Zwölfjährigen, die sich sehr stark die Lippen schminkt und aufreizende Kleidung trägt und nachts ohne ihren Teddybären nicht einschlafen kann sei hier zu nennen. Sexuell missbrauchte Jugendliche können eine Reihe von psychiatrisch auffälligen Symptomen entwickeln, zu denen hysterische Anfälle, Krämpfe, Ohnmacht und Depressionen gehören.

Da man bei Jugendlichen in der Regel davon ausgehen muss, dass die Missbrauchshandlungen bereits über längere Zeit stattfinden, (nur 5 Prozent der Missbrauchshandlungen beginnen im Jugendalter) ist es sehr wichtig, möglichst viele Symptome, Verhaltensweisen und Entwicklungsformen (anamnestische Daten) zu erfassen und auch nachträglich anhand der Lebensgeschichte zu versuchen, einzuordnen, wann der (erste) sexuelle Missbrauch begonnen haben könnte. Erfahrungsgemäß benennen Kinder und Jugendliche in Erstgesprächen nur die letzten sexuellen Misshandlungen; im Verlauf der Therapie wird dann jedoch deutlich, dass die Missbrauchserfahrungen häufig auch bereits früher begonnen haben. Dieses Phänomen ist auch bei Erwachsenen zu beobachten, die in ihrer Kindheit missbraucht wurden. Während sie sich anfangs an Missbrauchshandlungen erinnern können als sie jugendlich waren, geht die Erinnerungsfähigkeit mit fortdauernder Therapie immer weiter zurück und es ist sogar möglich, dass sie dann auch Missbrauchshandlungen erinnern, als sie Kinder oder auch Kleinstkinder waren.

Zusätzlich stehen einmal sexuell missbrauchte Kinder in der Gefahr, im Verlauf ihrer Sozialisation von anderen Personen sexuell missbraucht zu werden. Deshalb ist auch diese Möglichkeit im Rahmen der Aufdeckungsgespräche mit missbrauchten Kindern und Jugendlichen abzuklären.

Viele Erkenntnisse, die ich aus der Arbeit mit sexuell missbrauchten Kindern gewonnen habe, kann ich bei der Therapie von Erwachsenen verwenden; und das gleiche gilt umgekehrt: Viele Informationen, die mir Erwachsene geben, die in ihrer Kindheit sexuell missbraucht wurden, erweitern mein Verständnis von der Art und der Form des sexuellen Missbrauchs an Kindern und deren Erlebensrealität. Je mehr ich mich mit dieser Thematik auseinandersetze, desto deutlicher wird mir, dass die psychischen Folgen der sexuellen Kindesmisshandlung ein enormes Ausmaß haben und in unvorstellbarer Art und Weise den gesamten Lebensweg von Individuen bestimmen.

Indem die Erkenntnis über die Formen, das Ausmaß und die Auswirkungen des sexuellen Missbrauchs anwachsen, in dem Maße ist es auch möglich, vielen Kindern ein Schicksal zu ersparen, das sie in ihrer körperlichen und psychischen Entwicklung beeinträchtigt und behindert.

Ulrike Giernalczyk, Viktoriastr. 3, 58095 Hagen

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